Samstag, 3. April 2010

Ostern - unfeierliche Erinnerungen

Man wird ja förmlich erschlagen von täglich neuen Missbrauchs- und Gewaltmeldungen, die der katholischen Kirche angelastet werden. Komisch, es wundert mich nicht wirklich. Man kommt ins Grübeln und dann fallen einem Ereignisse aus der Kindheit und Jugend ein, die perfekt ins Schema passen.

Ich bin zu einer Zeit Kind gewesen, als, so liest man heute auch immer wieder, Schläge durchaus als Erziehungsmittel galten. Meine Eltern glaubten da wohl nicht so ganz daran. Meiner Mutter ist ein paar Mal "die Hand ausgerutscht", wenn sie sich sehr erregt hatte über meinen Ungehorsam. Es kam vielleicht 3 oder 4 Mal vor. An mehr kann ich mich wirklich nicht erinnern. Und von meinem Vater habe ich genau eine einzige Ohrfeige bekommen. Wegen großer Respektlosigkeit ihm gegenüber. Das war's dann aber auch. Ich war ein glückliches Kind, obwohl meine Eltern nicht wohlhabend waren und mir materielle Wünsche meist nicht erfüllt werden konnten. So ab ca. 15, 16 Jahren begannen dann zwar die Konflikte mit meinen Eltern, aber es waren immer Wortgefechte, die wir führten. Körperliche Gewalt erlebte ich dann in meinem Elternhaus nie mehr.

Anders in der Schule. Nicht ich selbst wurde Opfer, dafür war ich wohl einfach zu brav und zu angepasst. Aber ich habe einiges miterlebt, das mir im Gedächtnis haften blieb. Und hier kommt nun die Kirche, bzw. deren Vertreter ins Spiel.

1959 kam ich in die Grundschule. Damals waren Buben und Mädchen noch getrennt, auch in staatlichen Schulen. Eine reine Mädchenklasse also. Die ersten zwei Jahre wurden wir von einer katholischen Nonne der Armen Schulschwestern, sie hieß Bartholomäa, unterrichtet. Und ihr war Gewalt gegen 6- bis 7jährige Mädchen alles andere als fremd. Ich weiß es noch wie heute, als sie einmal am Weltspartag vom Sparkassenvertreter einen neuen Zeigestock geschenkt bekam, den sie am gleichen Tag noch auf dem Pult einer Mitschülerin vor Zorn zerbrach. An den Haaren ziehen, auf die Finger hauen, das gehörte zu ihrem Repertoire. Auch gerne so erniedrigende Maßnahmen wie in der Ecke stehen lassen. Und das zu einer Zeit und in einem Ort, wo die Kinder wahrlich noch brav und angepasst waren. Jedenfalls die meisten.
In der 3. und 4. Klasse erlebte ich das dann nicht mehr. Wir hatten eine sehr liebe, unverheiratete Lehrerin, Fräulein Heinrich wurde sie genannt. Sie hatte keine dieser Maßnahmen nötig, Schon seltsam, oder?
Ab der 5. Klasse besuchte ich das Gymnasium in Cham, also ab 1963. Da gab es einen katholischen Religionslehrer, er war auch Pfarrer, der auch tätlich gegenüber Schülern wurde. Ich habe es nie erlebt, dass eine/r der anderen Lehrer oder Lehrerinnen jemals zu dieser "Disziplinarmaßnahme" gegriffen hätte. Bis auf diesen katholischen Pfarrer, der einen Mitschüler in der 6. Klasse mit voller Wucht ins Gesicht schlug. Warum nur er?

Mir kann heute niemand mehr erzählen, dass die Gewaltanwendung nicht etwas Systembedingtes war in der kath. Kirche. Je mehr ich darüber nachdenke, desto wütender werde ich, auch wenn ich nur indirekt die Repressalien dieser Institution erfahren habe.
Als ich, ich war etwa 28 Jahre, aus der Kirche ausgetreten bin, habe ich das in einer Behörde in München gemacht. Welche Behörde das war, weiß ich jetzt gar nicht mehr so genau, auf jeden Fall war es eine staatliche Einrichtung. Offensichtlich war diese Behörde verpflichtet, Kirchenaustritte an die Taufgemeinde zu melden. Denn einige Monate später erhielt ich einen Anruf meiner Mutter. Sie war empört, dass ich aus der Kirche ausgetreten sei, das gehöre sich nicht und sie wäre nun vom Stadtpfarrer in meinem Geburtsort so quasi einem sehr unangenehmen Verhör unterzogen worden. Ja, richtig. Der Stadtpfarrer hat tatsächlich meinen Eltern Vorhaltungen gemacht, wieso ihre volljährige(!!!) Tochter aus der Kirche ausgetreten wäre.
Diesen "Erpressungsversuch" (in meinen Augen war es einer) gegenüber meinen Eltern, doch auf ihre Tochter einzuwirken, wieder in den Schoß der Kirche zurückzukehren, empfand ich dann noch als zusätzliche Rechtfertigung für mich, diesem Männerverein endgültig den Rücken gekehrt zu haben.
Bis heute fehlt mir nichts. Auch mein Sohn ist übrigens nicht getauft, obwohl es zu seiner Zeit in Bayern immer noch eher als Verstoß gegen das gute Brauchtum angesehen wurde, wenn man sein Kind nicht taufen ließ. Auch hier wurden in der Grundschule Versuche unternommen, die wenigen nicht christlichen Kinder unter Druck zu setzen, doch am Religionsunterricht teilzunehmen. Man könnte leider nicht dafür garantieren, dass der Ethikunterricht auch optimal in den Stundenplan integriert werden könne. Es wäre sogar denkbar, dass dieser Unterricht am Nachmittag stattfinden müsste. Wir haben uns nicht beirren lassen und darauf bestanden, dass für die nicht christlichen Kinder Ethikunterricht organisiert wird. Es war dann, oh Wunder, doch möglich, ihn am Vormittag abzuhalten. Na ja, probieren konnte man es ja mal im kath. Bayern.

Kommentare:

lizzy hat gesagt…

Neulich hab' ich zu meinem großen Erstaunen irgendwo gelesen, dass in Bayern das Prügeln in Schulen mehrere Jahre später gesetzlich verboten wurde als im Rest des Landes. Ist eben so katholisch ;-)

Ich wurde 1986 eingeschult und in diesem Jahr galt zumindest in Hessen das Prügelverbot schon. Hab' auch nie Schläge gegen einen Schüler mitbekommen. Auf keiner meiner Schulen. NIE! Bei meinen Geschwistern war das noch anders.

Meinen Kirchenaustritt habe ich übrigens so lange verschoben, bis meine Mutter nicht mehr diejenige war, die ihn ins Geburtsregister hätte eintragen müssen. Was mir bewusst war.

Sie war nämlich nach Auszug von "uns Kindern" noch viele Jahre lang bis zur Rente Pfarrsekretärin in Halbtagsanstellung und ich fürchtete erstens ihren Kummer und zweitens - stärker - dass mein Vater ihr, sollte er es auch erfahren, die Hölle heiß und noch das letzte Restchen guter Stimmung versauen würde.

So ganz verhindern konnte ich das allerdings schon deshalb nicht, weil mein Sohn ungetauft und somit durch meine Schuld dem Höllenschlund preisgegeben war ...

Tatsächlich gilt zumindest im alten Testament die Züchtigung als Erziehungs-MUSS! und ich erinnere mich an Predigten von der Kanzel, in denen das sogar Thema war. Weiecher-Eltern, die nicht züchtigten und prügelten, bekamen Terroristen als Kinder angedroht. Mein Vater hat das geglaubt. Meine Mutter vielleicht auch - aber die konnte nicht schlagen. Niemanden.

Bibelsprüche:

aus dem Buch Salomon:

(12,1) Wer Zucht liebt, liebt Erkenntnis, wer Zurückweisung hasst, ist dumm.

(13,18) Armut und Schande erntet ein Verächter der Zucht, doch wer Tadel beherzigt, wird geehrt.

(13,24) Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.


(15,5) Der Tor verschmäht die Zucht des Vaters, wer auf Zurechterweisung achtet, ist klug.

(19,18) Züchtige deinen Sohn, solange noch Hoffnung ist, doch lass dich nicht hinreißen, ihn zu töten.


(20,30) Blutige Striemen läutern den Bösen und Schläge die Kammern des Leibes.

(29,15) Rute und Rüge verliehen Weisheit, ein zügelloser Knabe macht seiner Mutter Schande.

(29,17) Züchtige deinen Sohn, so wird er dir Verdruss ersparen und deinem Herzen Freude machen.

(30,1) Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, damit er später Freude erleben kann.


(30,2) Wer seinen Sohn in Zucht hält, wird Freude an ihm haben und kann sich bei Bekannten seiner rühmen.


(30,8) Ein ungebändigtes Pferd wird störrisch, ein zügelloser Sohn wird unberechenbar.

(30,9) Verzärtle deinen Sohn und er wird dich enttäuschen; scherze mit ihm, und er wird dich betrüben.


(30,12) Beug ihm den Kopf in Kindestagen; schlag ihn aufs Gesäß, solange er klein ist, sonst wird er störrisch und widerspenstig und du hast Kummer mit ihm.


(30,13) Halte deinen Sohn in Zucht, und mach im das Joch schwer, sonst überhebt er sich gegen dich in seiner Torheit.

lizzy hat gesagt…

Aber nicht nur im Alten Testament:

Neues Testament

aus dem Hebräerbrief:

(12,6) Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat.

(12,7) Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet. Gott behandelt euch wie Söhne. Denn wo ist ein Sohn, den sein Vater nicht züchtigt?

(12,8) Würdet ihr nicht gezüchtigt, wie es doch bisher allen Ergangen ist, dann wäret ihr nicht wirklich seine Kinder, ihr wäret nicht seine Söhne.

(12,11) Jede Züchtigung scheint zwar für den Augenblick nicht Freude zu bringen, sondern Schmerz; später aber schenkt sie denen, die durch diese Schule gegangen sind, als Frucht den Frieden und die Gerechtigkeit.


Ich bin übrigens überzeugt!, dass nicht wenige gerade der kirchlichen Vertreter das immer noch für richtig befinden und sich momentan ziemlich am Riemen reißen müssen, weil es gerade so extrem der herrschenden öffentlichen Meinung entgegenläuft. Sowas ist ja auch immer ein bisschen zeit- und trendabhängig, was gerade als "richtig" und "falsch" angesehen wird.

Tschuldigung für den Roman - mir war grad' danach ;-)

lizzy hat gesagt…

natürlich wurde ich nicht 1986 eingeschult sondern 1968 ;-D

Uschi M. hat gesagt…

natürlich wurde ich nicht 1986 eingeschult sondern 1968 ;-D

hatte mich grad schon über den Jungbrunnen, in den du wohl gefallen sein musstest, gewundert *lol*

Ja, Lizzy, diese Bibelzitate sind bei mir da auch noch irgendwo verschwommen im Hinterkopf. Auch das mit ein Grund, dieses Buch und seine Vertreter abzulehnen.

Blumenmond hat gesagt…

Schläge hats bei mir in der Schule nicht gegeben, das war dann zu meiner Zeit nicht mehr "in". Aber irgendwie kennt jeder wohl Geschichten von Mißbrauch oder Erniedrigungen. Wenn nicht selbst, dann von irgendwelchen Nachbarskindern. Ich bin auch sehr froh, nicht mehr Member in diesem Verein zu sein. Dramatisch für die Betroffenen, dass sie so lange kein Gehör gefunden haben. Und die Haltung der Kirche zu den Vorwürfen ist grotesk.

Das wird im übrigen ne sehr lustige Gesellschaft in der Hölle. Ich freue mich schon drauf... obwohl Vorhölle hat der Papst ja abgeschafft - irre, oder?

Phönix hat gesagt…
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Phönix hat gesagt…
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amandajanus hat gesagt…

Lizzy, da warst du fleißig!

Ich fidne die Erinnerungen sehr interessant.

Ich bin 1979 in der DDR eingeschult, also Schläge an Schulen gab es nicht von Pfarrern, auch nicht von Lehrern übrigens. Aber öfentliche Bloßstellungen, wie "Tadel vorm Fahnenappell" etc. das kenne ich dafür schon, ich war natürlich zu brav für sowas, aber der Schrecken, wenn ein Kind vor den Fahnenappell gezerrt wurde, an den Pranger sozusagen, den habe ich doch erlebt.
Im Kindergarten gab es leider wohl auch Züchtigungen (Maulkorb umbinden, einsperren, bloßstellen) und das war nich christlich inspiriert, ganz und gar nicht.

mandy